Die abgetrennte Zunge | Katharina Wesselmann

Erschienen im WBGTheiss-Verlag

Rezensionsexemplar


Ein starkes Buch – über die Antike und doch topaktuell!

Ich sage es direkt zu Beginn, damit der mögliche Leser dieser Rezension weiß, was auf ihn/sie zukommt: Ich bin begeistert von diesem Werk! 
Glaubte ich im Vorfeld nur ein Buch über die Antike zu lesen, eine altphilologische Übersicht über viele – vielleicht schon bekannte – Ansichten, so bekam ich ein topaktuelles Werk zu lesen, das uns die kulturelle Verstrickung von antiken Sagen und Vorurteilen über angebliches weibliches Handeln und angebliche Charakterzüge von Frauen – verwoben mit Beispielen aus der Jetzt-Zeit – konkret vor Augen hält. Katharina Wesselmann hat uns die Fähigkeit geschickt, interessant und spannend auf die immer noch vorhandenen Denkweisen entblößend aufmerksam zu machen – den täglichen Versuch weibliches Handeln zu verunglimpfen, der „abgetrennten Zunge“ im Bereich der Macht in unseren Gesellschaften. Und das macht das Buch so aktuell – schauen wir uns doch den Umgang vieler in den sozialen Medien mit Frau Baerbock an!

Beute und Geschenk

Durch dieses Buch wird man getragen – oft konnte ich es nicht weglegen. Deutlich wird, dass Frauen in den antiken Sagen und der dortigen Geschichtsschreibung Beiwerk sind und nur so klare Aufgaben in den Erzählungen haben. Diesen niedrigen Rang, diese unabänderliche Rolle – Frauen maximal als Beiwerk – sehen bis heute (vor allem mächtige) Männer in Macht und Politik. Die Frau wird z.B. zur Beute des Mannes (Briseis, Dido, Medea), zum Geschenk an den Helden, dient seiner Glorie oder (wenn sie doch etwas Intellekt besitzt) dann ist sie nur fixiert auf ihren Mann. Seine Mission zu erfüllen ist ihr Lebensinhalt (Penelope). Nur so findet sie Akzeptanz und Sinn in den Geschichten – sie hat keine eigene Agenda. All diese Frauen sind Projektionen männlicher Autoren, das heißt also, wie Männer Frauen im Spiel der Macht sehen möchte, ihre Rolle zuweisen.
Die Autorin hält uns hier viele, viele Frauen vor Augen – das Bild wird immer klarer.

Große Auswirkung bis in die Gegenwart!

Frauen werden bis heute in den medialen Berichterstattungen diskreditiert, ihnen wird Weiblichkeit genommen oder ihre Weiblichkeit wird obszön der Lächerlichkeit preisgegeben. Sie sind entweder nicht weiblich genug – benehmen sich nicht weiblich genug – oder ihre Weiblichkeit wird als in der Sache störend dargestellt. „Seit jeher wird alles getan, um weibliche Mächtige als unnatürlich und verachtenswert erscheinen zu lassen.“ Und dies von Kleopatra bis Antigone und bis zu den Frauen der weißrussischen Demokratiebewegung, Frau Merkel oder Frau Baerbock. Misogynie auf allen Ebenen! Vergewaltigung wird dann lässlich in den antiken Sagen, Hauptsache der Held heiratet sein Opfer dann auch später. Das Buch rüttelt auf!

Mitreißend! Auch für Männer!

Es war mitreißend dieses Buch zu lesen, zu sehen, dass die Trumps und Lukaschenkos dieser Welt ihr Frauenbild in 2500 Jahren nicht hinterfragt haben und dass dieses Denken scheinbar in vielen Gesellschaften der Welt immer noch so schrecklich hoffähig ist. Das Buch hilft kulturelle Bezüge zu erkennen, es legt Strukturen offen. Man sollte es jedem in die Hand geben, der kritisch gegenüber Bestrebungen wie der MeToo-Bewegung steht, denn es macht die Um- und Zustände so offensichtlich!

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