erschienen bei Hoffmann und Campe
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Bilder sind gute Zuhörer
Bilder sind gute Zuhörer, denn sie geben dir Zeit, sie reden nicht dazwischen und beobachten dich genau. Wem diese Sicht auf Bilder seltsam verdreht vorkommt, der möge – um den Gedanken besser verstehen zu können – den fabelhaften Roman von Morgan Pager „Zwei in einem Bild“ in die Hand nehmen und einfach zuhören. Und plötzlich verdrehen sich die Perspektiven. Wer schaut eigentlich wen an? Wer wird zum wahren Voyeur? Und wer lernt von wem. Die Perspektive liegt immer im Auge des Betrachters. Pagers zuerst verwirrendes Spiel, wirkt so natürlich in seinen Zeilen, selbst wenn es phantastisch wird. Wir lesen, erleben diese verdrehte Welt ohne, dass ein Zweifel in uns aufkommt. Es wirkt fast schon wie selbstverständlich, dass wir in eine Form „Alice im Wunderland“ der Gemälde hineingleiten.
Ihr Erzähler Jean ist uns sehr schnell sehr nah. Er wirkt fragil, wie Gemälde halt wirken. Und es ist die Ruhe der Gemälde, die sich in allem hier – in Sprache und Geschichte – in uns ausbreitet.
Ob die Grundidee in diesem Roman ganz neu ist oder nicht, mögen andere diskutieren. Sie funktioniert klar. Über die gesamte Länge des Romans, lässt sie keine Längen aufkommen. Sie entwickelt sich, wie natürlich, weiter. Und sie macht „Zwei in einem Bild“ zu einem durchdringend, besonderen erzählerischen Werk. Kunst ist nicht nur mehr Kommunikation, sie wird zum eigenen Wesen, mit eigenem Verstand, eigenen Gefühlen, eigenen Gedanken. Welch wunderbare Vorstellung!
„Die Musikstunde“
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Henri Matisses fast 2,50 m an über 2 m großes Gemälde „Die Musikstunde“ aus dem Jahre 1917, welches wirklich existent ist und sich heute in der Barnes Foundation in Philadelphia befindet. Dort spielt auch unsere Geschichte. In diesem Museum, in diesem Raum. Matisse verewigte auf diesem Bild seine Familie: Tochter Marquerite, Sohn Pierre, seine Frau Amelie und seinen – eher unbekannteren – Sohn Jean. Letzterer erzählt uns seine tägliche Sicht als gemalte Person auf die Touristen, Angestellten und die Museumsleitung. Denn dort gibt es auch neuerdings Clair: Eine junge Reinigungskraft. Etwas ist anders mit und an ihr als an allen anderen vorbeikommenden Personen. Sie ist fasziniert von den Gemälden und der dargestellte junge Sohn des Malers ist fasziniert von ihr. Etwas umgibt Clair – eine besondere Geschichte ist zu erahnen.
Perspektiverweiterungen
Das Buch hat glücklicherweise nichts von „Nachts im Museum“ (eine Anspielung, die es selbst macht) oder den lebendigen Porträts in Hogwarts. Auch wenn uns Motive, wie der tragisch isolierte Außenseiter oder die Erlösung durch weibliche Empathie, sehr bekannt vorkommen, so besticht „Zwei in einem Bild“ vor allem sprachlich: Durch eine zarte, eindringliche Sprache, ohne nur ansatzweise kitschig zu wirken. An manchen Stellen haucht das Buch die Atmosphäre einer Geistergeschichte, wenn Jean uns seine heimlichen Beobachtungen so wunderbar erzählt. Wer und was beobachtet uns, ohne dass wir es ahnen? Es klingt auch nach Dorian Grey, wenn deutlich wird, dass Jean immer in seinem Alter von 20 Jahren bleibt. Er ist ein Protagonist, der nie altert, der die Neugierde, die Dynamik, die Leidenschaft und den Mut eines jungen Erwachsenen in sich trägt. Der die Veränderung will, Grenzen überschreiten will, ohne mögliche Konsequenzen zu kennen oder gar zu fürchten.
Morgan Pager hinterlässt einen bleibenden, intelligenten Eindruck, dem auch jeder Vielleser mit sich nehmen wird. Schon jetzt freue ich mich auf weitere Perspektiverweiterungen in der Zukunft.