Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Tja, was sind „Real Americans“– wahre Amerikaner? Für das trumpsche Amerika heutzutage scheinbar nur weiße Amerikaner. Aber die USA sind bunt: Emigranten aus China, Mexiko, Südamerika, Nachfahren farbiger Sklaven und die Ureinwohner, die erst seit 1924 die amerikanische Staatsbürgerschaft haben. Und doch fühlt sich Lilly mit ihren asiatischen Wurzeln nur bedingt amerikanisch. Es fällt ihr auf, dass viele erfolgreiche weiße Amerikaner, Freundinnen mit asiatischen Wurzeln haben. „Im Spiegel sah ich einen typischen amerikanischen Mann mit einer ausländischen Frau, obwohl ich genauso typisch amerikanisch war“, stellt Lilly fest.
Status? Wirkliche Liebe? Klischee? Sind diese Frauen nach der Meinung dieser Gesellschaft für die amerikanische Familie tauglich? Wie multikulturell sind die USA wirklich. Ein sehr aktuelles Buch. Aber auch eigenwilliges Buch, mit großen und kleinen Wendungen. Wer sind wir? Was prägt uns wirklich? Kultur? Ethnie? Unsere Erzieher und/oder Familien?
Und wie stark muss man seine eigenen Wurzeln hinter sich gebracht haben oder sie bewusst behalten, um wirklich US-Bürger zu sein? Gehört diese Vielfalt eventuell dazu? Zumindest wird deutlich, dass der Pass oder in den USA aufgewachsen zu sein, nicht unbedingt die Grundlage dazu bieten. Geld, Status und die daraus folgenden Möglichkeiten schon weitaus mehr. Was macht also Menschen zu US-Amerikanern, oder wechselt dies, je nachdem, was gerade in Amerika geschieht, denn „Real Americans“ ist auch ein Gang durch die amerikanische Geschichte des bisherigen Jahrhunderts. Von der großen gegenseitigen Solidarität nach dem 11. September 2001 bis nahe an unserer Zeit.
Zurechtfinden
Wir bekommen die Geschichte – ohne Naivität – gut erzählt. Aber oft fragen wir uns: Wo führt sie uns hin. „Real Americans“ ist bei weitem kein „normaler“ Roman, mit stringenter, gradliniger Handlung. Vielmehr erinnert er wirklich an das „normale“ Leben, mit kleinen und großen Wendungen und Geschichten, Sackgassen und Verzweigungen. So wie sich für Lily in ihrer Unsicherheit, viele Fragen zur amerikanischen Gesellschaft und ihrem eigenen Weg stellen, so beginnen auch wir uns diese Fragen immer mehr zu stellen. Es fehlt irgendwie Orientierung für eine Frau, die in zweiter Generation in Amerika lebt. Denn das weiße Amerika scheint nicht integrativ – man bleibt draußen vor. Vieles der Protagonisten im Roman hat etwas von Try and Error – Dinge zu versuchen, ob sie funktionieren oder nicht, Wege wieder abzubrechen oder anders wieder neu zu versuchen. Selbstfindung kennt keinen geraden Kurs.
Mit Nachgang und wenig vorhersehbar
Autorin Rachel Khong, selbst mit asiatischen Wurzeln aus Malasia stammend, hat das Talent uns durch Lilys Gedanken (und auch später anderen Personen), ihren Anmerkungen, Unsicherheiten und Fragen auf die fragilen Elemente unter den angeblich so erfolgreichen American Way of Life schauen zu lassen.
Das alte Jahrhundert geht zu Ende – wir stehen kurz vor dem Millennium. Lily – Studentin mit chinesischen Wurzeln arbeitet als – wie so viele – unbezahlte Praktikantin in New York. Sie lernt den reichen Matthew kennen. Dieser lädt sie spontan zu einem Wochenende in Paris ein. Das klingt alles nach einem Auftakt á la “Emily in Paris” und entwickelt sich doch so völlig anders. Es ist komplizierter und daher realer.
Ein Buch mit Nachgang und wenig vorhersehbar.