erschienen beim KiWi-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Ein kleines literarisches Meisterwerk
Mit der letzten Seite dieses Buches habe ich wohl eines der eindrucksvollsten Werke, die ich in diesem Jahr bisher gelesen, abgeschlossen. Ein Buch, das nach seiner letzten Zeile lange nachhallt. Ein Buch, das man verdauen muss, nicht wegen Schrecklichkeiten, sondern wegen der Tiefe seiner Worte und Personen, seiner Atmosphäre, der angesprochenen Emotionen und deren Intensität und Authentizität. Zwischenzeitlich war es immer wichtig, einmal tief Luft zu holen, um seine eigene Lebendigkeit zu spüren.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein kleines literarisches Meisterwerk. Nefeli Kavouras´ assoziativer Schreibstil, der so sehr auf den Punkt bringt, wie z.B. ihre Protagonistin Ruth vom langen Sterbeprozess ihres Mannes – von den kleinen und großen Situationen – übernommen ist, macht fast sprachlos, lässt uns mitleiden – trifft uns mit voller Wucht. Wie Ruth selbst, können auch wir nicht aus dieser Situation entfliehen.
Alle ihre Sinne sind – gerade zu Beginn des Buches – permanent vollkommen auf „Habt-Acht“ gestellt. Es strömen zu viele Informationen in den Verstand, der diese nur wenig nach ihrer Wichtigkeit sortieren kann. Das ist ein Körper und Geist im permanentem Stresszustand, in Aussichtslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Es ist meisterhaft, wie die Autorin dies erzählerisch umsetzt.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein Buch über das Sterben, aber viel mehr über die, die dies begleiten und aushalten müssen.
Das lange Ertragen
Sie sind eine kleine Familie: Georg, Ruth und ihre Teenagertochter Lea. Georg ist seit vielen Jahren schwer krank. Er leidet und wird sterben. Und das Sterben, der Verfall, ist ein langer Prozess, der Ruth und Lea immer wieder an ihre Grenzen bringt. Alles dreht sich um sein Sterben. Es gibt kein Entrinnen vor dieser schrecklichen, aussichtslosen Situation.
Abwechselnd sind wir in Ruths und Leas Gedanken. In den Gedanken der Ehefrau, der Tochter, die dies zwar gemeinsam durchleben, aber dies nicht gemeinsam (er)tragen können. Die ständigen Ängste, die verzweifelte Trauer muss jeder für sich aushalten können. Und so kommt es natürlich immer wieder zu angespannten Situationen zwischen ihnen. Zu Streit aufgrund gegensätzlichen Unverständnisses: Eine Teenagerin, die ein Teenieleben leben möchte und einer erwachsene Ehefrau, die eigentlich nur Normalität leben möchte. Und beide müssen den langsamen, deutlichen Verfallsprozess des Vaters, Ehemanns täglich ertragen.
Deutlich wird: Sterben ist ein “sich verwandeln”, und die Frage ist, wer sich alles verwandelt. Und Trauer hat für Außenstehende oft etwas von Wahnsinn. Der Verlust, der Schmerz übernimmt uns.
Tief unter die Haut
Jeder, der traumatische Tage erlebt hat, kennt solch wirres Denken, die Unruhe, die Unrast, die Unfähigkeit zur Ruhe zu kommen – gleichzeitig Festhalten und Überwinden zu wollen. Und er/sie wird sich hier wiederfinden, wird Ruths und Leas Situation sehr gut verstehen. Auch wenn es dazu kommt, dass wir vielleicht nicht direkt alles nachvollziehen können, so ist dieses Gefühl des Irrealen, dass das, was geschieht, größer als unser Verstand ist, sehr verständlich. So werden auch wir von der immer wieder geäußert Überforderung der Mutter verbal wie umzäunt, sind wie gefangen in diesem Stress. Leas Reaktion oder vielleicht sogar eher Reflex einer Parentifizierung ihrer Mutter gegenüber ist uns so sehr verständlich.
Ein starkes Buch hat Nefeli Kavouras uns hier geschenkt. Ein zutiefst eindrucksvolles Buch über Sterbebegleitung, über Liebe, über Trauer und Verzweiflung. Wohl kein Buch hat in letzter Zeit bei mir den Weg so tief unter meine Haut geschafft.