Es dauert lange, bis alte Systeme in sich zusammenbrechen oder revolutionär gestürzt werden. Eine Frage, die sich auch heute – aktuell – in einer Welt mit großen Umbrüchen immer wieder stellt. So ist der Blick nach Russland, zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur ein Blick in die Geschichte, sondern ein Blick in die mögliche Systematik von Politologie und Soziologie. Es geht ums Verstehen, um Zeichen des Zerfalls zu erkennen. Und hier ist es nicht nur eine revolutionäre Kraft, die das Zarenreich im Februar 1917 wegfegte. Nein, man hat viel mehr das Gefühl, dass es den alten Kräften daran fehlte, sich noch einmal aufbäumen zu können oder zu wollen. Jörg Baberowski hat mit seinem Werk „Die letzte Fahrt des Zaren“ ein sehr eindrucksvolles und fleißiges Buch geschaffen, dass uns die Möglichkeit gibt – zeitweise wie minutiös – den Fall der alten Zeit wieder zu erleben. Dazu hat er es geschickt, durch den dauernden Wechseln von Ort und Personen, komponiert. Mit Fassungslosigkeit schauen wir auf die fehlende Tatkraft, ja, vielleicht auch die Arroganz der herrschenden Schicht, den Wechsel, der sich zeigt, zu erkennen. Was brachte, nach über 500 Jahren der Herrschaft, das Ende der Romanovs?
Kategorie: Sachbuch

Unter Nachbarn – vom seltsamsten Verhältnis unseres Lebens | Bernd Imgrund
Wir alle kennen sie, haben oder haben keine Beziehungen zu ihnen. Wenn es Beziehung gibt, können diese in der großen Bandbreite von inniger Freundschaft bis zur abgrundtiefen Feindschaft sein: Nachbarn! Sie können die Haus- und Wohnungssuche oft mehr prägen als die Immobilie selbst. Es sei denn unser finanzieller Hintergrund ist so groß, dass wir uns sie mit dem Erwerb eines riesigen Grundstückes auf Distanz halten.
Bernd Imgrund hat mit seinem Werk „Unter Nachbarn“ ein informatives, umsichtiges und zeitweise auch mit humorvollem Seitenhieb angereichertes Buch um diese besondere Beziehung geschrieben. Eine Alltags- und Sozialgeschichte über eine der relevantesten und selten völlig frei gewählten Beziehungen im menschlichen Leben. Ein Gang durch die Zeit, aber auch durch unsere Zeit. Durch Kultur, Justiz und bunt durch so viele andere Aspekte des täglichen menschlichen Lebens. Und ich bin mir sicher, dass jeder Leser innerlich seine Stationen im Leben durchgeht und sich immer wieder dabei erwischt, beschriebene Beziehungen und Situationen zu bejahen. Wir kennen das – im Guten und im Schlechten. Und diese Beziehungen im Netz der Nachbarschaft gibt es schon seit Jahrhunderten – haben sich in bestimmenden Bereichen wenig geändert.

Die Kriege der Gegenwart und der Beginn einer neuen Weltordnung | Joschka Fischer
Es war ein langer Weg vom Taxifahrer, zum turnschuhtragenden Umweltminister in Hessen, Außenminister der Bundesrepublik und dann zum weisen Politsenior. Aber Joschka Fisher hat viel Erfahrung, Knowhow und – das beweist er in seinem neusten Werk – er hat globalpolitischen Weitblick. Sein Buch „Die Kriege der Gegenwart und der Beginn einer neuen Weltordnung“ muss der clevere Fischer schon weit vor dem 2. Amtsantritt Donald Trumps im Februar bedacht haben. Das Buch erschien am 13. März 2025 und Joschka Fischer hat schon einiges zuvor kommen sehen.
„Chaos als Ordnungsprinzip in der zukünftigen Staatenwelt“. Mit dieser Überschrift dachte Fischer schon vor der Amtsübernahme des neuen US-Präsidenten, das neue System der Staaten dieser Welt zueinander durch. Und es erinnert viel ans orwellsche „1984“, wenn es keine stabilen, kontinuierlichen Bündnisse zwischen ihnen mehr gibt, sondern jeder ständig auf seinen Vorteil bedacht ist und dafür auch bereit ist, sekundenschnell alte Partnerschaft aufzulösen und neue einzugehen. Es gilt dann nur noch kurz die Geschichte zu ändern. Das ist der Beginn einer neuen Weltordnung. Ob dies nun ein Übergang ist oder der neue „Normalzustand“, bleibt abzuwarten.

Der wahnsinnige Kaiser – Elagabal und der Niedergang Roms | Harry Sidebottom
Es gibt etwas, was uns auf schreckliche Art an den Cäsaren Roms fasziniert: Es geht um Macht, es geht um Verbrechen, um Sex und Intrigen. Das hat eine deutliche Strahlkraft auf uns über die Jahrhunderte hinweg. Man ist wie schockiert und muss doch hinschauen. Man ist vielleicht angewidert und verurteilt all dies, aber es hat auch diesen Moment der Bewunderung, der Grenzüberschreitungen. All dies hat wohl – wie zugespitzt – die eigentlich kurze Geschichte des berühmt, berüchtigten und bizarren Kaisers Elagabal. Er ist wohl der römische Kaiser, der aller Wahrscheinlichkeit mit einer extrem brutalen Perversität ausgestattet war und der somit als Prototyp für den sogenannten Cäsarenwahn in die Geschichte einging. Verwunderlich ist es da, dass seine eigentliche Geschichte, der Aufstieg und große Fall, so selten aufgearbeitet wurde. Vielleicht hat das Klischee über Elagabal viele Autoren davor abgeschreckt und abgehalten. Harry Sidebottom geht ihn offensiv und umfassend an. Dabei erfahren wir durch diesen kurzen Ausschnitt der römischen Herrschaftsgeschichte sehr viel über die Feinheiten der römischen Gesellschaft. Sidebottom präsentiert nicht nur eine Biografie, sondern eine gesellschaftliche Analyse, in der wir erlernen zu verstehen, wie es sein konnte, dass ein 14-jähriger, dessen angebliche kaiserliche Herkunft noch nicht einmal gesichert war, urplötzlich durch die Unterstützung einer ganzen Legion zur Macht kommen konnte. Spannend ist unter anderem dabei auch, dass ein solches Spiel des Ergatterns der Macht, vor allem durch die Intrigen der Frauen der Familie möglich war. All dies zeigt, dass in der römischen Gesellschaft Frauen bei weitem nicht nur machtlose Spielsteine auf dem politischen Spielbrett waren.

Das Karfreitagsgefecht – Deutsche Soldaten im Feuer der Taliban | Wolf Gregis
„Krieg ist Chaos“, sagte einst der Oberbefehlshaber der amerikanischen Armee Norman Schwarzkopf während des 2. Irakkriegs. Und genau in dieses Chaos gerieten am 2. April 2010 Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan. Der Tag ist im Nachhinein ein absoluter Wendepunkt der bundesdeutschen Armee. Zuvor nur in dauernder Vorbereitung einer möglichen Landesverteidigung, war man nun inmitten eines Krieges angekommen. Alles was man über Jahrzehnte durchdacht, geplant, überlegt und geübt hatte, wurde nun mit einem Schlag Wirklichkeit – keine Zeit mehr Dinge zu durchdenken. Zwei Tage später brachte es der damalige Verteidigungsminister von Guttenberg endlich auf den Punkt, was eigentlich schon längst hätte deutlich – für die Truppe und die Öffentlichkeit – artikuliert werden müssen: Die Bundeswehr war im Krieg. Eine Realität, die bis heute von vielen Teilen der Bevölkerung nicht eingestanden wird, da man sich doch als demokratisches Deutschland lange darin sonnen wollte, dass alle anderen Kriege führen oder in Kriege geraten – nur wir nicht. Es gilt gerade heutzutage sich wieder deutlich zu machen, dass auch dieser Teil zu einem souveränen Staat gehört. Dabei kann dieses Buch helfen zu verstehen, was kriegerische Handlungen in unserer Zeit bedeuten.

1864 – Bismarcks erster Krieg | Klaus-Jürgen Bremm
Den deutsch-dänischen Krieg kennt man zumeist maximal als kurze Zwischenstation und Zahl „1864“ aus dem Geschichtsunterricht im schnellen politischen Aufstiegs Bismarcks und Preußens hin zur Reichsgründung 1871. Dabei hat er bis heute Einfluss auf das Verhältnis zu unseren nördlichen Nachbarn. 1864 ist und war für Dänemark mehr als ein Kriegsjahr, es war ein Katastrophenjahr.
Klaus-Jürgen Bremm hat sich in den letzten Jahren zu dem Fachmann in Deutschland für solche Wendepunkte in der deutschen Geschichte entwickelt. Seine Werke helfen dabei diese Konflikte in ihren Entwicklungen und Auswirkungen umfassend zu verstehen und sind bei weitem sehr viel mehr als nur die Darstellungen kriegerischer Handlungen. Es geht um die Frage, wie es zu solchen kriegerischen Konflikten kommen kann. Konflikte, die man glaubte, nur militärisch lösen zu können und welche – zum Teil – bitteren Konsequenzen es für diese Staaten bedeutete. Wer verstehen will, wie Krieg entsteht, wird bei der Lektüre Bremms sehr viel darüber lernen. Ein Thema, das leider im aktuellen Europa 2025 wieder mehr verstanden werden muss. Denn es geht um die Selbstbestimmung von Landesteilen oder Ländern. Es geht um das Streben nach Freiheit und die Interessen großer Staaten, die unter dem Deckmantel der vermeintlichen Freiheit für andere, vor allem ihren Interessen nachgehen.

Bedrohte Bücher – Eine Geschichte der Zerstörung und Bewahrung des Wissens | Richard Ovenden
„Einer der Zwangsarbeiter…, der Dichter Abraham Sutzkever, erhielt von der Gestapo die Erlaubnis, Papier als Brennmaterial mit ins Ghetto zu bringen, stattdessen brachte er aber seltene hebräische und jüdischen Bücher, handschriftliche Briefe von Tolstoi, Maxim Gorki… eines der Tagebücher von Theodor Herzl, … sowie Zeichnungen von Marc Chagall mit und versteckte sie umgehend…“ im Ghetto in Wilna/Vilnius.
Welch ein Einsatz für Bücher! Sein ganzes Leben für Bücher einzusetzen, da ihm dieser Wert höher erschien als sein Leben!
In seinem bemerkenswerten Buch „Bedrohte Bücher“ erzählt der britische Wissenschaftler, Richard Ovenden, einen faszinierenden Streifzug über die Versuche von Archivaren und Bibliothekaren dem Verlust von Kultur, Wissen, Gedanken, aber auch ganz alltägliches Erleben zu erhalten. Dieser Gang durch die Jahrhunderte zeigt aber vor allem auch die vielen traurigen Verluste all dessen. Es ist, als ob wir gemahnt werden unsere Errungenschaft besser zu schützen. Denn in einer Welt, in der zunehmend Demokratien durch populistische, faktenverneinende Systeme bedroht werden, ist Orwells „1984“ nicht weit und wir alle wissen, dass Papier bei „Fahrenheit 451“ brennt. Wir müssen uns wieder mehr verdeutlichen, welchen Schatz es zu verteidigen und zu erhalten gilt. Ovendens Buchs ist eine gute, wichtige Mahnung dazu und sie macht uns darüber hinaus in ihren vielen historischen Beispielen so deutlich, was wir alles schon verloren haben – sei es durch Zufall, Krieg oder ganz bewusste Auslöschung und Zerstörung.

Deutsche Hörer! | Thomas Mann
Manche Jahrestage kommen wie geplant um die Ecke, dabei sind sie doch nur ein zufälliges Spiel der Zahlen. Aber es ist schon bemerkenswert, dass wir in diesem Jahr den 150. Geburtstag des literarischen Jahrhunderttalents Thomas Mann feiern und gleichzeitig den 80. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs begehen werden. Wenn wir dann noch sehen, dass wir kurz vor einer Bundestagswahl stehen, bei der wir in einer – in der Bundesrepublik zuvor – noch nie gekannten Deutlichkeit als Demokraten Rechtsextremen gegenübertreten müssen, so zeigt dies im Besonderen: Thomas Mann ist aktuell! Es ist ein Glückgriff, dass der S. Fischer Verlag Manns mahnende Redensammlung „Deutsche Hörer!“ genau jetzt neu aufgelegt hat. Thomas Mann ist in seinen Reden aus den USA – in die der Literaturnobelpreisträger ungewollt ins Exil gegangen war, in dem er ein Flüchtling war – nicht müde geworden, wie ein Mahner in der Wüste, wie ein Sisyphos, der immer wieder neue Wege in die Köpfe der Deutschen suchte, dem eigenen Volk den kommenden Niedergang zu prophezeien, sollten sie nicht den Nazis den Gehorsam verweigern. Thomas Manns Worte sind nicht nur historisch. Sie lassen sich – erschreckenderweise – an vielen Stellen in unserer Zeit auf uns bekannte Populisten und vom Verfassungsgericht als gesichert rechtsextreme Parteien anwenden!

American Mother | Colum McCann und Diane Foley
Was kann ein Mensch ertragen? Wieviel Leid kann er aushalten?
Und wieviel davon kann er später verzeihen, wenn er/sie den Menschen kennenlernt, der es zu verantworten hat? Diane Foley saß über lange Zeit und über viele Gespräche hinweg dem Mörder ihres Sohnes gegenüber, der diesen gefoltert und auf bestialische Art getötet hatte. Und dies nicht in Notwehr, sondern bewusst, weil dieser war, was er war – ein amerikanischer Journalist. James Foley wollte über Menschen in einem Kriegsgebiet berichten – über ihr schweres Leben, über ihre Leiden.
Colum McCann hat nun zusammen mit der bewunderungswürdigen Diane Foley dieses besondere Buch, diesen besonderen Bericht verfasst. Einen Bericht, der für den möglichen Leser nicht immer einfach zu lesen ist. Zu schrecklich die Vorstellung, dass dies alles auf Realität beruht. Und trotz allem ist es ein sehr eindrucksvolles, mitnehmendes und wichtiges Werk. Es geht nicht vornehmlich um die Schrecklichkeit und uns schockierende Brutalität. Es ist zutiefst wichtig, dass diese Geschichte erzählt und von vielen gehört wird. Die Geschichte, die in das Leben der Familie Foley einschlug, Leben auf unvorstellbare Art änderte. Es geht darum, wie Hass und Vergebung uns leiten können. Sei es in die Irre, in den Wahnsinn oder in ein Leben nach dem Unvorstellbaren.

Die Geschichte von Adam und Eva
Wir alle haben unsere kulturellen Prägungen, die zumeist (fast) nicht wegzudenken sind. Adam und Eva gehören dazu. Jahrhunderte lang rechtfertigten sie menschliches Leben, gesellschaftliches Leben und das Verständnis, wo wir denn eigentlich herkommen. Sei es als große Parabel oder (wie noch heute in fundamentalistischen Kreisen) wörtlich, als eine Darstellung von Realität. Stephen Greenblatt, Professor für englische und amerikanische Literatur und Sprache ist in seinem Buch der Geschichte und der Sicht unserer Vorfahren auf sie, nachgegangen. So entstand ein Buch über die Lebensgeschichte einer der außergewöhnlichen Erzählungen, eines großen Mythos. Und so taten sich für unsere Vorfahren und auch für viele Menschen ganze reale Fragenkataloge auf: Welche Sprache sprachen wohl Adam und Eva? Welche Beziehung hatten Tier und Mensch im Paradies? Wie war wohl die vegetarische Kost im Paradies – im Gedachten Naturzustand? Darüber hinaus wurden sie von vielen Seiten über Jahrhunderte gesehen, interpretiert und versucht zu durchleuchten. So entstand viel Kontroverse mit zeitweisen provokanten Sichtweisen für die Christenheit, so z.B., dass die Schlange – als positive Figur – den Menschen schließlich ihr Wissen gebracht hätte und ein eifersüchtiger Gott ihnen dies nicht geben wollte.
Ein spannender Blick auf die Vielseitigkeit eines großen Mythos.