Erschienen bei Heyne
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Erosion von Vertrauen
Sally Lisa Starkens Werk „Wenn der rechte Rand regiert“ mag uns in der Aussage des gewählten Titels erst einmal erschrecken, doch der Inhalt des Buches macht Mut. Mut, dass es viele Menschen gibt, die sich aktiv für den Erhalt und die Verteidigung unserer westlichen Demokratien einbringen. Eindrucksvoll sind schon ihre analytischen Worte im Eingangsbereich des umsichtigen Buchs: „Es beginnt nicht mit dem Bruch der Verfassung, sondern mit der Erosion von Vertrauen.“ Genau darum geht es. Wieso verlieren so viele das Vertrauen in die Demokratie und glauben, die Lösung der alltäglichen Probleme unserer Gesellschaft in den Parolen des rechten Rands zu finden? Nur weil diese Antworten Null Intellektualität und Hirn benötigen?
Starken ist zu drei Playern gefahren, die den rechten Rand zu ihren Regierungen gewählt haben, um zu schauen, wie geht es den Menschen dort – wie lebt es sich im aufbauenden Neofaschismus und im gleichzeitigen Abbau der Demokratie. Und über allem schwebt die Frage: Was würde dies aus unserem Land machen, wenn z.B. die AfD die Regierung stellen würde? Kann man mögliche Analogien erkennen?
Dazu ging es für Starken in die trumpschen USA, in Melonis Italien und in das von der PiS-Partei jahrelang geprägte Polen. Was haben diese Länder gemein? Die rechten Parteien wurden gesellschaftsfähig und stellen (oder stellten) die Regierung. Wie kam es dazu? Wieso wählt eine Bevölkerung rechts konservative, ja faschistische Parteien an die Macht. Welche Beweggründe, welche Ängste stecken dahinter. Und was wird aus solchen Ländern?
Eine bewegende Expedition, die wir hier begleiten dürfen.
Das Buch ist mehr und wandelbar
Starken erzählt ihre eigenen Reisen durch diese Länder und große Strecken hat sie dafür hinter sich gebracht – krasse Ortswechsel. So z.B. eine Reise nach Warschau, in einen Wohnblock im ehemaligen Ghetto, mit der Nostalgie der Sowjetzeiten, zur Freundin nach North Carolina in die USA vor und an dem Tag der erneuten Präsidentenwahl Trumps oder einfach mit dem Camper kreuz und quer durch Italien. Das ist alles sehr persönlich und gleichzeitig erfahren wir sehr viel über die Stimmungen der Bevölkerungen. Eigentlich präsentiert sie oft die klassische Reportage und doch erhält die Form eine sehr eigene „Handschrift“. Sally Lisa Starken hat die Fähigkeit uns sehr nahe an ihre persönlichen Erlebnisse heran- und teilhabenzulassen. Diese Teile fühlen sich an, als ob wir jemandes Tagebuch lesen dürften. Aber das Buch ist mehr und wandelbar. Starken zeigt sich engagiert und präsentiert auch ponierte, wissenschaftliche Diskurse rund um Demokratie, Demokratiegefährdung und dem Versuch der Auslösung dessen durch autoritäre Parteien und/oder politische Strömungen. Das macht das Buch so herrlich dynamisch. Starken zeigt sich hier kämpferisch für ihre Werte.
Der Schaden für die Menschen und deren Gesellschaft ist tiefgreifend und bleibend
Sally Lisa Starkens Werk ist ein Buch mit Haltung. Und es artikuliert und verlangt nach Haltung. Wir alle haben die Verantwortung für unsere Demokratie und dies ist keine Floskel, sondern etwas sehr Aktives. Ihre kraftvollen Sätze machen uns deutlich, wie sehr ihr Engagement sie vorantreibt, um unserer Gesellschaft deutlich zu machen, welche absurden bis gefährlichen Strukturen und Wirklichkeiten solche neuen rechten Regierungen einem Land bringen. Der Schaden für die Menschen und deren Gesellschaft ist tiefgreifend und bleibend. Ihre mahnende Reportage ist ein Appell für die Demokratie und aktives, demokratisches Engagement. Interessant sind unter anderem auch ihr Handlungstipps für jene, die die Demokratie schützen wollen.
Ein Buch für jeden, dem die Demokratie in unserem Land wichtig ist. Ich sehe es aber insbesondere als guten Buchtipp für junge Menschen, die um unsere Demokratie bangen und hier einen vielschichtigen, gut erklärten Einstieg in das große Feld der Demokratie (und ihrer Fragilität) vorfinden. Ein schnelles, informationsreiches, sehr lebendiges Buch, dass auch zeigt, dass Demokratie (im Guten, wie im Schlechten) sehr lebendig ist.