erschienen bei C.H. Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Messalina – Sex, Crime in Rom! Oder?
Messalina ist wohl das historische Synonym für weibliche sexuelle, unkontrollierbare, exzessive und unstillbare Lust. Messalina ist die Top für Begriffe wie Untreue, Nymphoman – für die personifizierte moralische Verdorbenheit, gepaart mit der Dekadenz der römischen Cäsarendynastien. Sie ist einmalig. Aber die Frage bleibt beim heutigen Blick auf die Quellen, was können wir wirklich sagen? Was können wir vermuten? Es ist dann schon mehr als spannend, wenn eine junge Autorin, wie Honor Cargill-Martin, dieses, von männlichen Geschichtsschreibern geprägte Bild hinterfragt – fragt: Konnte das überhaupt sein? Oder erfahren wir hier eigentlich etwas über den römischen Blick auf Frauen? War Messalinas Fall aus der Höhe als Frau des Kaisers zum Todesurteil eigentlich nicht eine politische Intrige? Und sind nicht zumindest die exzessiven Sexgeschichten so absolut übertrieben? Sollten sie nicht eventuell spektakulär, aber vor allem rufvernichtend sein. Die Nymphomanin neben dem naiven, viel älteren Kaiser klingt mehr wie ein Trivialroman aus der Schmuddelecke der Geschichte und doch hat man die Geschichte lange so stehen lassen und wenig hinterfragt.
Dies macht nun Cargill-Martin auf sehr unterhaltsame und umsichtige Art und Weise. Die Autorin, die zurzeit in Oxfort promoviert, erklärt die Erwartungshaltungen der römischen Gesellschaft an Frauen, vor allem Frauen in gehobenen Stellungen und wie man diesen Frauen schaden konnte. Im Rahmen einer modernen, aus weiblicher Sicht erweiterten Blickwinkel auf die Geschichte, ist dieses Buch mehr als nötig gewesen.
Willkür und Gewalt als das Normale
Die Rahmenbedingungen der julisch-claudischen Dynastie und somit auch für den Beginn von Messalinas Leben, waren durch die lange Regierungsphase des Augustus geschaffen worden.
Zu Messalinas Kindheit und Jugend lässt sich zwar speziell nichts sagen – außer ihrer Herkunft – jedoch können wir die allgemeinen Zustände in der gehobenen Schicht des ersten Jahrhunderts und somit auch ihre Erziehung und Bildung gut rekonstruieren.
Sie wächst in einer Welt der Intrigen, der Gewalt, der Gerüchte und der Gefahr und Angst selbst das nächste Opfer all dessen zu sein, auf. Ihre nächste Sozialisation findet am Kaiserhof statt, und zwar als sehr junge Ehefrau (von ca.18 Jahren) ihres Mannes Claudius (mit ca. 51 Jahren). Diese fällt in der Zeit des exzentrischen und unberechenbaren Caligula. Eine Zeit der Extreme, der Exzesse, in der auch viele Frauen ihres Alters (wie z.B. Caligulas Schwestern) plötzlich, schlagartig ihren Rang und ihr Leben verlieren können. Diese Willkür und Gewalt scheint hier das Normale zu sein. Es gilt Allianzen, Verbündete zu finden Verbindungen zu schmieden.
Sex sells – auch im alten Rom
Honor Cargill-Martins Werk lebt vor allem von einer sehr guten, zeitgemäßen Quellenanalyse. Wir müssen sehen, wie misogyne die patriarchale Gesellschaft des antiken Roms eingestellt war. Somit wird schnell deutlich, welche Absichten die römische Geschichtsschreibung bezüglich der Darstellung Messalinas hatte. All dies soll nicht sagen, dass ihr Verhalten nicht wirklich moralischen verwerflich war. Aber zumindest sollten wir bei den dargestellten Exzessen, die eine ganze Portion an Pornografie beinhalten (z.B. ihre angebliche heimliche „Arbeit“ als Prostituierte des Nachts oder ihr Wettstreit mit einer bekannten römischen Prostituierten, wer wie viele Männer in einer Nacht befriedigen kann) mehr den Versuch erkennen, sie moralisch zu diskreditieren. Das Image von der jungen, unbefriedigten Ehefrau sollte den Machtintrigen, rund um einflussreiche Männer um Claudius herum, die „sein Ohr“ haben wollten, helfen. Darüber hinaus liebten die Römer Klatsch und Tratsch und …Sex sells!
Messalina ist ein wichtiges Buch für den modernen Blick aufs alte Rom und auf eine Frau, die unerwartet ins Zentrum der römischen Macht rückte. Ein fleißiges, intelligentes und notwendiges Werk.