Eine Hochzeit in der Provinz | Emma Rothschild

Erschienen im wbgTheiss Verlag

Rezensionsexemplar

Experiment?

Ein ungewöhnliches Geschichtswerk liegt da vor mir. Die Historikerin Emma Rothschild spricht selbst darüber als Experiment. Und nach der besonderen und faszinierenden Lektüre würde ich sagen: das Experiment – auf das ich mich auch erst einmal einlassen musste – ist gelungen! Also: Was ist das für ein besonderes Geschichtsbuch?

Der Anlass

Am 9. Dezember 1764 kommen für einige Stunden einmalig 83 Menschen in der französischen Provinz, der Stadt Angoulême zusammen, um einen Ehevertrag zu bezeugen. Wer sind diese Menschen, die ein wenig der Zufall oder vielleicht auch die Neugierde etwas über eine spektakuläre Erbschaft zu erfahren, ja vielleicht auch etwas davon mitzubekommen, zusammengebracht hat? Was wurde aus ihnen? Emma Rothschild hat diesen winzigen Moment der Geschichte von vollkommen “normalen ” Menschen zum Anlass genommen, dies zu hinterfragen. Heraus kommt eine wirkliche Geschichtsschreibung von unten. Eine Darstellung der französischen Gesellschaft im Ancien Regime.
Eine Geschichte aus der Perspektive eines unbedeutenden Ortes und einer unbedeutenden Familie. Und doch wird es so viel mehr. Wir lernen über das Leben der ganz „normalen“ Menschen – ihre Wünsche, Ängste, Probleme – ihre Netzwerke und Verstrickungen. 

Das Buch zeigt sich als umfangreiche sozialhistorische Studie. Deutlich macht es Aspekte des Analphabetentums und dessen Auswirkungen, der hohen Kindersterblichkeit (von zeitweise ca. 50%), des sozialen Standes, der Armut, des Glücks und der sozialen Verbindungen, der Gesundheit und Medizin (hier vor allem der Gefahren des Kindbetts), der Rechtsprechung und so viel mehr. Das Werk zeigt sich breit aufgestellt und entwickelt so einen tiefen Einblick in die Realitäten Frankreichs vor der französischen Revolution. So sind Berufsbezeichnungen eher kreativen Aussagen und haben etwas von der Darstellung zukünftiger Absichten.

Die Autorin nutzt aber auch die Chance ihre Ergebnisse (die weit über die anfänglich gedachte Aufgabe hinausgehen) aus der Vogelperspektive auf die in den Gemeinderegistern aufgeführten 4089 Individuen der Stadt Angoulême darzustellen. Wer lebte, wie dort zusammen? Wer hatte mit wem Kontakt? Die Quellenlage lässt doch einige Zusammenhänge erkennen.

Die weitere Geschichte

Dann folgt sie hauptsächlich der Entwicklung der weiblichen Linie der Braut Françoise aus der Familie Aymard/Ferrand. Wir erfahren die Geschichte der Familie über fünf Generationen hinweg. Schon angefangen bei ihrer Mutter Marie, die in tiefe Armut fiel als ihr Mann als Handwerker nach Grenada ging, unter seltsamen Umständen starb und vielleicht vermögend war. Als Witwe, Mutter von 8 Kindern (bei denen zwei schon früh verstarben) und Analphabetin, lebt sie am Existenzlimit, gilt aber noch nicht als arm, da sie später bei ihrem Sohn leben kann und über einige wenige verschlissene Habseligkeiten verfügt.

Wir erleben an dieser Familie den Wandel vom Ancien Regime, über die Zeit der Revolution und der Zeit Napoleons bis in die industrielle Revolution. Wir dürfen teilhaben, an diesen Leben und verstehen so besser die politischen und ökonomischen Entwicklungen.

Mein Erlebnis mit diesem Buch

Ich gebe zu, ich musste mich zu Beginn auf dieses Werk einlassen, denn die französische Ständegesellschaft, der vorrevolutionären Zeit war mir natürlich bekannt, aber weckte erst einmal nicht mein Interesse für zusätzliche Informationen. Darüber hinaus sind es eine Fülle an Namen und Informationen (sei es individuelle Geschichten oder Strukturen des Lebens bestimmter Bevölkerungsteile) die man zu verarbeiten hat. Aber man beginnt immer mehr realistische Personen hinter diesen Schicksalen zu erkennen und erleben. Es wird deutlich, wie wenig frei Menschen ihr Leben entscheiden konnten, abhängig von Stand, Geschlecht und den Weltgeschehnissen waren. Pragmatismus musste gelebt werden, wenn man ein einigermaßen zufriedenes Leben leben wollte. Das Leben war voller Schicksalsschläge – Gesundheit war Glücksache, der Tod allgegenwärtig. Auf der Hochzeit 1764 waren z.B. fünf junge Frauen im ungefähren Alter der 24-jährigen Braut. Schon zwei sollten in den nächsten zwei Jahren im Kindbett sterben.
Man darf hier keine Art von historischem Familienroman erwarten – wie gesagt, das Buch gleicht eher einer sozialhistorischen Studie. Aber dieses sehr umfangreiche Geschichtswerk ist meisterhaft in der Darstellung des Lebens der „ganz normalen“ Menschen. Bestens dokumentiert und umfangreich recherchiert gibt das Buch viele Antworten und umfangreiche Einblicke. Ein eindrucksvolles Geschichtswerk!

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