erschienen bei Klett-Cotta
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Endlich!
Endlich – ja endlich ein aktuelles Buch, das sich mit diesen letzten Tagen der NS-Diktatur beschäftigt. Die wenigen, skurril anmutenden Tage des von Hitler in seinem politischen Testament zum Reichspräsidenten erhobenen Karl Dönitz und seiner “Regierung“, sind leider den meisten Werken über den Niedergang des selbsternannten „1000- jährigen Reichs“ nur einige Sätze wert. Was und wen regierte diese Gruppe von Flensburg aus eigentlich? Ein Thema, das oft vernachlässigt wird, weil es irgendwie nicht so offensichtlich den Schrecken den Schrecken in sich trägt und sich wie ein Staat als lebender Toter darbietet. Und doch ist es viel mehr. Die Ansammlung einer unendlichen Zahl von Versuchen die Deutungshoheit über das NS-Regime zu erlangen, vieles und viele reinzuwaschen, Fluchtmöglichkeiten zu geben, Menschen verschwinden zu lassen, ja sogar immer noch „Recht“ im Namen des Deutschen Volkes zu sprechen und vieles mehr. Vieles mutet seltsam an, viel Blindheit existiert immer noch. Aber auch viel Angst, da man weiß, dass die Zeit naht, in der man nun endgültig für seine Verbrechen einstehen muss.
Autorin Svenja Falk geht logisch, sachlich und chronologisch vor und hilft uns damit, einen sehr guten Überblick in diesen chaotischen letzten Kriegstagen zu behalten. All dies wirkt noch einmal wie ein Schmelztiegel des Nationalsozialismus, wenn in dem kleinen Flensburg mit ca. 70000 Einwohnern, die letzten Nazigrößen der oberen und mittleren Ebene, vereint mit tausenden, hilflos durch das Reich verschickten und verhungernden KZ-Häftlingen, mit fast 170.000 von Wehrmachtssoldaten, Spionen und vielen mehr zusammengepfercht irgendwie leben. Ein wichtiges und spanendes Buch, das so manche Facette dieser kleinen historischen Episode zeigt, die man zuvor noch nicht vermutet hat.
Der Versuch Normalität zu spielen
Strukturiert in kurzen, knappen, schlaglichtartigen Blicken auf verschiedene Personen und Vorkommnisse, durchleuchtet Svenja Falk chronologisch den historischen Abschnitt vom 30. April 1945 bis zum 23. Mai des Jahres. Sie macht dies auf durchdringende Art und Weise. Es wirkt, als wenn wir mit einer Kamera aus verschiedenen Perspektiven in die verschiedenen Räume oder auf verschiedene Plätze in Flensburg 1945 schauen. Wir bleiben einen Moment, versuchen zu verstehen, um dann weiterzugehen und uns anderen historischen Protagonisten (bekannten und weniger bekannten) zuzuwenden. Das ist schnell, abwechslungsreich, ohne oberflächlich zu werden. Es ist aber vor allem umfänglich und sehr informativ.
Denn die Zustände und die Machtverhältnisse sind obskur. Eigentlich ist das Deutsche Reich zerstört, am Boden, zu Ende und doch “spielen Dönitz” und seine Mannen fast Normalität eines wirklichen Landes. Er beruft eine geschäftsführende Reichsregierung, mit Altbekannten, wie z.B. Johann Ludwig Graf von Schwerin von Krosigk, Albert Speer oder Franz Seldte, ein und definiert in einem Memorandum, dass politische Zielsetzungen und Bestrebungen nicht verfolgt werden. Er möchte kein neuer Führer sein. Seine Gründe dafür bleiben unklar. Sein Stolz vom „Führer „auserkoren“ zu sein, ist spürbar. Vielleicht ist seine Entscheidung Selbstschutz vor späterer Bestrafung.
Sicht auf stumpfes Mitläufertum und jahrelange politische Ignoranz
Svenja Falk füllt mit ihrem Buch so manche Lücke in den Geschichtsabteilungen der Bibliotheken und im Wissen rund um ein wichtiges Kapitel im Untergang der NS-Diktatur.
Es ist wünschenswert, dass ihre fleißige Darstellung möglichst viele Leser und Leserinnen findet, dass vielfältig die Konsequenzen von stumpfem Mitläufertum und jahrelanger politischer Ignoranz, die hier deutlich wird, sich verbreitet. Nur halbherzig distanzierte man sich von nationalsozialistischen Hardlinern. Der dahinsiechende Nationalsozialismus wollte auch nach dem Tode des fanatischen Herrschers und des 12 Jahre andauernden 1000-jährigen Reichs, mit einem Biedermann aus dem aalglatten Bürgertum an seiner Spitze – vollkommen ohne kritische Reflexion auf die Terror- und Unrechtsherrschaft – weiter machen.