(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Hoffnung
Von 1776 bis 2026 – es ist in diesem Sommer nunmehr 250 Jahre her, seit dem die amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeitserklärung verabschiedeten. Ein Meilenstein in der Demokratiegeschichte der Moderne. 1776 war ein Schicksalsjahr für den Verlauf der Weltgeschichte und doch werden wir in diesem Sommer mit gemischten Gefühlen auf die Feierlichkeiten in den USA schauen. In unserer Zeit über die amerikanische Revolution, über die großen Ziele der Unabhängigkeit zu lesen und zu schreiben verbindet sich mit gemischten Gefühlen. Fehlt uns zurzeit nicht die Lust dazu, diesen großen historischen Sieg der Demokratie, der guten „Sache“ und die Bedeutung dessen auch für die Entwicklung hin zu unserer Demokratie irgendwie zu huldigen, wenn wir gleichzeitig täglich erleben, wie diese Demokratie abgebaut und ausgehöhlt wird? Wenn diese Demokratie durch einen Mann und seinem Haufen ad absurdum und pervertiert wird?
Es gibt aber viele „Genau-Deshalb-Gründe“. Z.B. um zu sehen, was aus Idealen werden kann, wenn man sie nicht pflegt und ausbaut. Um zu sehen, was passiert, wenn man Demokratie nicht weiterentwickelt. Vielleicht auch um zu sehen, wie sie untergeht oder sich erholen kann. Wichtig ist aber immer zu sehen, wie sie geschaffen wurde, wie viele Menschen sich aufmachen mussten. Und vor allem dürfen wir nicht die Lust an der Demokratie verlieren! Und genau diesen Geist versprüht das fabelhafte Werk „1776 – Der Sommer der Revolution“ von Pulitzerpreisträger Joseph J. Ellis. Aufbruch und Rebellion gegen Tyrannen und Könige, die Bereitschaft für seine Werte, seine Freiheit zu kämpfen, auch wenn man gegen die mächtigste Armee der Welt kämpft. Und das Gefühl, dass man – historisch betrachtet – in einem solchen Kampf in sehr guter Gesellschaft ist.
Das gibt wieder Hoffnung.
Eine Geschichte der Charaktere
Ellis agiert in „1776“ sicher, gekonnt, und beeindruckend professionell und stellt deutlich dar, dass die Engländer vielleicht nie eine Chance hatten, um diesen Konflikt zu gewinnen. Es sei denn, sie hätten es geschafft, die (eigentlich) zwei Player auf der Seite der Siedler, den Kontinentalkongress und die Armee unter Washington, zu spalten. Denn diese beiden war sich in ihrem Ziel des Konfliktes, gerade zu Beginn der wachsenden Auseinandersetzungen, nicht wirklich einig. Sollten sie Teil Englands mit eigenen Rechten oder ein unabhängiger Staat werden?
Für Joseph J. Ellis ist die amerikanische Revolution (wie er schon in seinem besonderen Buch „Sie schufen Amerika“ deutlich machte) vor allem eine Geschichte der Charaktere, die wir dann in diesem Buch durch den Sommer der Revolution begleiten, wie z.B. John Adams, Thomas Jefferson, George Washington, Benjamin Franklin oder auf der anderen Seite George Germain, so wie die Brüder Richard und William Howe. Mit den größten Truppenbewegungen über den Atlantik vor dem 1. Weltkrieg, wollten die Engländer, in einem bewunderungswürdigen logistischen Aufwand, die Kolonisten in die Schranken weisen. Dies in einer Härte, die vollkommen außer Acht ließ, dass die Kolonisten doch eigentlich ihr eigenes Volk waren. So stellt Ellis eindringlich dar, dass sie ihr Volk schon vor und zu Beginn des Krieges Stück für Stück verloren.
Keine Demokratie zum Null-Tarif
Im Sommer des Jahres schwebt noch der “Geist von 76” über den Köpfen der Kolonisten, die Vorstellung, dass die Kolonisten in ihrem Kampf moralisch überlegen wären und sie daher eine unbesiegbare Kraft begleiten würde, was allerdings in diesem Jahr noch von der Realität eingeholt werden sollte.
„1776“ macht deutlich, dass es Demokratie nicht zum Null-Tarif gibt. Ein sich nicht ergebener Tatendrang, Wille, das Eingehen von Risiken ohne Garantien auf Erfolg, werden in den Zeilen deutlich. Denn mit dem Jahr 1776 ist die Freiheit noch lange nicht erreicht. Wer Spaß hat an guter, sach- und zeitgemäßer, spannend erzählter und übersichtlich strukturierter Geschichte, ist hier genau richtig. Joseph J. Ellis bringt uns herrlich, lebendig ins dramatische Jahr 1776. Und wir fiebern, hoffen und leiden mit den großen Protagonisten des Jahres auf dem amerikanischen Kontinent.