Zu Beginn eine einfache, selbstverständliche, aber enorm wichtige Aussage: Dieses Buch ist nicht „Der Gott des Waldes“. Diese Aussage soll nicht wertend sein, sie soll nur dem möglichen Leser mitteilen, dass er hier nicht etwas suchen möge, was er im Ausnahmewerk von Liz Moore zuvor erlebt hat. „Der andere Arthur“ ist auf vielen Ebenen anders. Was aber bei der fabelhaften Liz Moor wieder besticht, ist ihr wunderbarer, fließender, uns weitertreibender Schreibstil. Das ist hohe Kunst ohne Allüren, unaufgeregt, aber fesselnd. Als Leser hat man ständig den Drang fortzuschreiten. Es fällt uns sehr, sehr schwer das Buch zur Seite zu legen und damit die Protagonisten allein zurückzulassen – in ihrer Einsamkeit zu lassen. Denn das ist eines der Themen dieses leisen Buchs: traurige, einsame Menschen – ihre Gedanken, Ängste vor der Welt, vor anderen Menschen und ihre durchlebten Verletztheiten und immer präsente Verletzlichkeit. Daraus resultiert oft ihre Reaktion auf die Welt, die Wahrheit zurückzuhalten, eine neue – vermeintlich bessere – Wahrheit zu erfinden. Doch all diese Lügen isolieren sie mehr. Liz Moore hat einen intelligenten, durchdringenden Blick auf unsere westlichen Gesellschaften. Das macht dieses Buch – neben einer besonderen Geschichte – lesenswert.
Autor: Textopfer
Papyrus | Irene Vallejo
Wer die Vorstellung zu diesem Buch hat, dass es um die Geschichte des Werkstoffs „Papyrus“ geht, dem sei gesagt: Es geht in diesem Buch um viel, viel mehr! Nämlich das, wofür „Papyrus“ steht: um Bücher, die Geschichte und Geschichten von Büchern und wie diese unsere Weltgeschichte mitgeprägt haben. Denn für Bücher und das, wofür sie stehen, wurden Feldzüge und Kriege geführt. Sie waren Inspiration, Antrieb, Start und Ziel. Man darf sie nicht unterschätzen. Eine Geschichte der Menschheit, ist auch eine Geschichte ihrer Bücher und ihrer Verhältnisse zu ihnen. Eine Geschichte von z.B. Bibliotheken, Archiven und Büchereien, von Schriften und dem Lesen, von den vielen Schriftarten, von der Macht des Wissens und so vielen Aspekten, die all dies begleiten.
Vallejos Reise in die Vergangenheit startet an dem Platz der Geschichte, den wohl jeder bibliophile Mensch in einer Zeitreise gerne besuchen würde: Der Bibliothek von Alexandria. Und es geht nicht nur um den Ort – Nein, es geht um die Idee dazu. Die Idee, alle Bücher der Welt zusammenzubringen. Vallejo zeigt, dass schon vor über 2000 Jahren den Herrschenden die Kraft und Macht von Büchern bewusst war.
Rom sei verflucht | Santiago Posteguillo
Mit seinem zweiten Band seiner Romanbiografie über Julius Cäsar „Rom sei verflucht“, hat der spanische Professor Santiago Posteguillo, ein sehr beeindruckendes Werk verfasst. Und für alle, die direkt fragen: Ja, man kann diesen (in Qualität und Quantität) umfangreichen Roman (von über 800 Seiten) auch dann lesen, wenn man nicht den ersten Band gelesen hat, da der Autor uns einen geschickten Rück- und Überblick auf den ersten Seiten über die Grundzüge des ersten Bands bietet. Posteguillos Werk wirkt – trotz seiner so großen Verschiedenheit – inhaltlich, wie ein Gegenpol zur großen Cicero-Trilogie von Robert Harris, denn wir sehen nun mehr durch die Brille des großen Cicero Rivalen: Julius Gaius Cäsar. Aber natürlich sind aufgrund der Charaktere und der Lebensgeschichten die Schwerpunkte der Romane sehr verschieden (erst recht der Erzählstil). Während bei Cicero die Politik, das strategischen Vorgehen im Senat und bei Gericht im Mittelpunkt stand, geht es in Cäsars Leben natürlich um seine militärische Laufbahn, das Ringen mit anderen militärischen und politischen Führern, aber vor allem um den Aufstieg zum mächtigsten und vielleicht charismatischen Politiker Roms. Sein Name wird nach ihm für tausende von Jahren für eine solche politische Macht stehen, sei es als Begriff Cäsar, Kaiser oder Zar. Und Santiago Posteguillo schafft es uns diesen Menschen, dieses Phänomen, sehr menschlich nahezubringen.
Zuversicht | Louise Brown
Welch ein wunderbares, kleines Buch gegen die führende Stimmung unserer Zeit, gegen den vorherrschenden Zeitgeist, der voller negativer Sichtweisen, Endzeitdystopien oder permanenterer Resignation ist. Da tut Zuversicht sehr gut. Nein, das Werk ist nicht geprägt durch Naivität oder Ignoranz. Zuversicht kann in unserem unperfektem Alltag stattfinden. Denn Zuversicht bedeutet – und das wird während der Lektüre des Buches deutlich – die Fähigkeit, die vielen kleinen Teile zu erkennen, die uns positiven Antrieb geben können und diese positiven Perspektiven in unserem Kopf zuzulassen. Und dazu hilft es Louise Browns Zeilen einmal auf sich wirken zu lassen. Sehr beeindruckend.
Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste | Kelly Mullen
Welch ein Lichtblick zwischen den zeitweise vielleicht etwas zu vielen neuen britischen Krimis auf dem deutschen Buchmarkt oder vielmehr den Krimis, die vor allem im englischen Cosy-Crime Stil versuchen daherzukommen. Ich liebe die Kultur Großbritanniens, die Literatur, den ironisch-sarkastischen Sprachwitz. Aber nein, ich bin bei weitem nicht der Cosy-Crime-Fan und es bedarf schon weitaus mehr als eine „tüdelige“ Hauptperson und überzogene Klischeecharaktere, um mich von einem „Krimi“ mit englischem Witz, Charme und Leichtigkeit zu überzeugen. „Die Einladung“ kann man als leicht Cosy angehaucht sehen, sie ist aber glücklicherweise viel mehr im Stil der Altmeisterinnen wie Agatha Christie oder Ruth Rendell. Und das ist wunderbar guttuend, unterhaltsam und spannend.
Kelly Mullens Ermittlerduo, Großmutter Mimi und Enkelin Addie sind bei allem, was vielleicht klischeeartig wirkt, sehr realitätsnah, mehrschichtig und sympathisch. Daher fiebern wir mit ihnen. Das ist mehr als das überstrapazierte, trendige und überproduzierte Cosy-Crime-Gewäsch, das uns vor allem rund um Urlaubsorte mit unübersehbarer Präsens überfällt. Es gibt also eine kreative, intelligente Zukunft für den klassischen englischen Krimi, ohne ins übertriebene Cosy-Klischee zu verfallen. Danke, Kelly Mullen!
Thomas Mann – ein Leben | Tilmann Lahme
In diesem besonderen Jahr hat uns wohl kein Autor mehr begleitet als der große Thomas Mann. Sei es durch sein umfangreiches, beeindruckendes Werk, das vielfach neu verlegt wurde oder sei es in den vielen Kontroversen, Vorträgen und Diskussionen, die von selbsternannten bis anerkannten Literaturexperten über ihn geführt wurden. Mich hat vor allem intensiv sein Werk begleitet. Einiges kannte ich, einiges war voller neuer Erfahrungen und natürlich stellte sich immer die Frage nach der Person dahinter. Wer war der Mensch Thomas Mann?
So war die Lektüre der Biografie „Thomas Mann – Ein Leben“ von Tilmann Lahme in den letzten Wochen für mich ein großes Finale des Jahres 2025 – des 150. Geburtsjahrs. Und es war gut, sich dieses wohldurchdachte und mit Feingefühl verfasste Werk als Finale aufzubewahren. Keine, der vielen kleinen und großen Biografien, die ich – begleitend zu den Werken Thomas Manns – in diesem Jahr gelesen habe, hat es geschafft, den manchmal unpersönlich und distanziert wirkenden Menschen, so viel näher zu bringen als diese Biografie, so dass ich heute, allen Literaturinteressierten, dieses Buch deutlich empfehlen kann. Unterhaltsam und informativ präsentiert Lahme hier eine Lebensgeschichte, garniert mit Quellen, Bildern und Geschichten von Freundschaften und Familie – eine Geschichte von Geheimhaltungen, von einer öffentlichen Person, eines Familienvaters, eines Menschen, der litt und vor allem die Geschichte eines Künstlers. All dies gibt uns Zugang zum Menschen Thomas Mann – hilft ihn besser zu verstehen, noch mehr zu schätzen, um ihm weiter zu folgen.
Stürzende Imperien – Rom, Amerika und die Zukunft des Westens | Peter Heather und John Rapley
Historiker sind immer sehr vorsichtig dabei, Analogien zwischen Epochen und historischen Vorgängen zu ziehen. Ja, vielfach wird dies abgelehnt, denn zu verschieden sind konkrete Situationen, die handelnden Personen und plötzliche unberechenbaren Änderungen von Umständen. Aber all dies soll nicht bedeuten, dass wir nicht aus Geschichte lernen können und sollten. Strukturen sind oft schon vergleichbar und der Mensch als Faktor – als Entscheider – ist doch oft aufgrund seiner Bedürfnisse und Begierden im Handeln über die Zeiten hinweg sehr ähnlich.
Der fabelhafte Historiker Peter Heather, Fachmann für die römische und nachrömische Geschichte und Volkswirtschaftler (mit dem Schwerpunkt Globalisierung) John Rapley gehen in ihrem gemeinsamen Werk „Stürzende Imperien“ sehr behutsam und umsichtig vor. Sie sezieren förmlich den Untergang Roms, erarbeiten die entscheidenden Faktoren des schleichenden Zerfallsprozesses der antiken Weltmacht heraus und schauen sich diese Faktoren in unserer Zeit an.
Das kleine (ca. 250 Seiten starke) Buch ist allein schon in seinem handwerklichen Vorgehen faszinierend, denn Heather und Rapley haben eine überzeugende Struktur als Grundlage gelegt, so dass ihr Anliegen und ihre Argumentationen sehr gut nachvollziehbar sind.
Spannend für politisch-soziologisch und historisch interessierte Leser. Ein kleiner Schatz am Sachbuchhimmel.
Der Rache Glanz | Maud Ventura
erschienen bei Hoffmann und Campe (Rezensionsexemplar, also Werbung) Ein möglicher Prototyp moderner Celebrities? „Berühmtheit ist…
Space Boy | Frank Schätzing
Es ist schon ein sehr eigenes Werk, welches Erfolgsautor Frank Schätzing uns hier gegeben hat. Und ich gebe zu, es macht mir meine Aufgabe hier etwas schwerer, denn, was ist „Space Boy“? Selbst der Verlag hat mir kein Genre auf dem Cover mitgegeben, wie wir es ansonsten kennen. In seiner Beschreibung spricht er von einem „Porträt“ über den großen David Bowie und den uns wohlbekannten Autor Frank Schätzing.
Alles erinnert an eine Doppelbiographie, die aber bei weitem nicht den Weg eines klassischen Sachbuchs einschlagen will, sondern eine literarische Aufarbeitung des eigenen Lebenswegs Schätzings und seiner tief empfundenen Verbindung zu David Bowie darstellt. Bowie ist für ihn ein Seelenverwandter, der ihn prägte, ihn auf seine Art begleitete, faszinierte und ihm – auch, wenn man sich nie kennengelernt hat – das Gefühl von gegenseitigem Verständnis entgegenbrachte. Bowie inspirierte ihn mit seinem eigenwilligen und mutigen Weg, seiner eigenen Kreativität zu folgen. Und so ist auch dieses Buch, das eigenwillig ist, auf das man sich einlassen muss und das, trotz biografischer Inhalte über die beiden, sehr wenig mit einer klassischen Biografie zu tun hat. Eigenwillige Charaktere scheinen sich zu potenzieren.
Skandal in Königsberg | Christopher Clark
Ein Skandal im 19. Jahrhundert und einer der wohl renommiertesten, populärwissenschaftlichen Historiker in Deutschland, (ein Australier!) berichtet uns davon: Der fabelhafte Christopher Clark! Viele beeindruckende Geschichtsbücher (wie „Die Schlafwandler“ oder „Frühling der Revolution“) hat er uns in den letzten Jahren geschenkt und in seinen verschiedensten Fernsehproduktionen hat er uns gezeigt, dass Geschichte spannend, alltagsnah und faszinierend sein kann. Clark tut der deutschen Geschichtsszene gut, denn er ist (ähnlich wie Dan Jones) einer der populären, anglo-amerikanischen Geschichtsschreiber, die mit ihrer mitnehmenden Art des Schreibens, viele Leser für Geschichte interessieren können, die im Allgemeinen mit dieser Art des Sachbuchs nichts anfangen können. Das macht Spaß und Lust auf Geschichte.
Auch in diesem – für seine Verhältnisse – kurzem Buch (nur ca. 200 Seiten), schafft er es wieder, uns eine Geschichte aus der Geschichte umfassend darzustellen und uns dabei doch auch etwas „auf die Folter zu spannen“ welcher Skandal denn nun in Königsberg geschehen ist.