erschienen bei Klett-Cotta
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Literatur nutzen, um weiterzuleben
Ich bin mir mehr als sicher, dass wir alle um den psychologischen Einfluss unserer Lektüren bezüglich der Sicht auf unser Leben wissen. Lesen erweitert den Fokus auf unser Leben, auf das menschliche Leben überhaupt – unsere Meinungen, unsere Empfindungen, es testet unsere Werte und Normen, ist voller Träume, Wünsche, Gefühle, Lehren und Wissen. Lesen ist bei weitem nicht nur ein kognitiver Prozess. Und es ist somit eine wunderbare Erkenntnis, dass wir uns mit der Wahl unserer Lektüre, gezielt und bewusst Gutes tun können.
Stefan Bollmann ist diesen Weg in seinem Werk „Die literarische Hausapotheke“ konkret gegangen und seine Umsetzung ist beeindruckend.
Seine Erkenntnis ist, dass wir Literatur nutzen, um weiterzuleben. „Um das Leben zu ertragen. Und wer das seltsam findet, dem mag gesagt sein, dass die heilende Wirkung von Literatur mittlerweile auch erforscht und nachgewiesen wurde.“ Eine Erkenntnis, der sich wohl jeder Bücherfreund/ jede Bücherfreundin anschließen kann. Aber dieses Buch ist nicht nur eine wunderbare Fundgrube von Geschichten und Erzählungen für schon eingefleischte Bookies. Nein, es ist auch voller guter Hinweise für die Menschen, die bisher nur bedingt oder gar nicht den Weg zum wohltuenden Bücherlesen gefunden haben. Auch sie werden garantiert sich – oder etwas für sich – in dieser literarischen Hausapotheke finden.
Die Vielfalt der literarischen Medizin
Bollmann gibt uns einen guten Überblick seiner „Hausmittelchen“. Von bekannten Werken und Klassikern, wie Kaffkas „Die Verwandlung“, Hesses „Steppenwolf“ oder Tolstois „Anna Karenina“, bis zu weitaus unbekannteren Literaturstücken, wie Stefan Zweigs unvollendeten Roman „Rausch der Verwandlung“. Je nach erwünschter Wirkung, schreckt er auch nicht vor aufrüttelnden Büchern, wie Timothy Snyders „Über Tyrannei“ oder gar Elke Heidenreichs „Altern“ zurück. Absolut interessant auch sein Blick auf besonders eindrucksvolle Bücher, die uns in eine andere Welt manövrieren, wie Han Kangs „Die Vegetarierin“.
Ein wunderbarer Rat ist auch z.B. Thomas Manns berühmter “Zauberberg” bei „akuten und chronischen Zeitproblemen [,wenn man] …sich nach Entschleunigung, … Zeiten bewussten Innehaltens…“ sehnt.
Eine bunte, unterhaltsame Mischung, die immer wieder Lust macht, das Buch, welches uns gerade als Arzneimittel empfohlen wird, sofort zu beginnen oder es erneut aus dem Regal zu holen.
Große Abteilungen hat diese Apotheke: Von der Liebe bis zum inneren Kind oder dem wichtigen Halt in stürmischen Zeiten. Neben der Darstellung des Inhalts, verrät uns Bollmann – indem er uns die Wirkung dieses Buches erklärt – immer, wem er als Arzt der Literatur dieses Buch empfiehlt (sogar mit Altersempfehlung). Natürlich warnt er als guter, umsichtiger Arzt auch vor möglichen Nebenwirkungen aufs Gemüt oder den Geist. All dies wird zeitweise mit feiner Ironie, in einleitenden Begleitworten eines Beipackzettels, erklärt, die dann zumeist der Auftakt für tiefere Einsichten über das vorgestellte Buch sind. Das sind oft spannende, besondere und erklärende Analyse- und Interpretationsansätze, die bei vielen vorgestellten Werken Lust machen, das Buch selbst zu lesen, mehr darüber zu erfahren. Eine wunderschöne Galerie von literarischen Werken, quer durch alle Jahrhunderte, die uns durch ihre besonderen Atmosphären helfen können, um Gemütszustände besser zu verstehen oder zu bewältigen.
Selbstheilung durch Literatur
„Die literarische Hausapotheke“ ist ein fabelhaftes Buch zur Selbstheilung, aber bestimmt auch ein gutes Geschenk an Menschen, die Literatur lieben und ohne sie verkümmern, verbrennen würden – ja, sich ein Leben ohne Literatur nicht vorstellen können.
Das Buch schafft es den Leser aus seiner eigenen, zumeist kleinen literarischen Bubble – herauszuholen. Wir blicken über unseren Tellerrand hinaus. So hilft es vielleicht auch einmal Vorurteile gegenüber bestimmten Werken und Autoren beiseitezulegen – sich ihnen noch einmal ganz neu zu nähern.
Es könnte aber auch für unsere Freunde und Freundinnen ein guter Hinweis sein, bei denen wir uns wünschen, dass die Literatur in deren Leben noch mehr Einzug halten sollte.