erschienen bei C.H.Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
„Ah, look at all the lonely people.”
Zu Beginn eine einfache, selbstverständliche, aber enorm wichtige Aussage: Dieses Buch ist nicht „Der Gott des Waldes“. Diese Aussage soll nicht wertend sein, sie soll nur dem möglichen Leser mitteilen, dass er hier nicht etwas suchen möge, was er im Ausnahmewerk von Liz Moore zuvor erlebt hat. „Der andere Arthur“ ist auf vielen Ebenen anders. Was aber bei der fabelhaften Liz Moor wieder besticht, ist ihr wunderbarer, fließender, uns weitertreibender Schreibstil. Das ist hohe Kunst ohne Allüren, unaufgeregt, aber fesselnd. Als Leser hat man ständig den Drang fortzuschreiten. Es fällt uns sehr, sehr schwer das Buch zur Seite zu legen und damit die Protagonisten allein zurückzulassen – in ihrer Einsamkeit zu lassen. Denn das ist eines der Themen dieses leisen Buchs: traurige, einsame Menschen – ihre Gedanken, Ängste vor der Welt, vor anderen Menschen und ihre durchlebten Verletztheiten und immer präsente Verletzlichkeit. Daraus resultiert oft ihre Reaktion auf die Welt, die Wahrheit zurückzuhalten, eine neue – vermeintlich bessere – Wahrheit zu erfinden. Doch all diese Lügen isolieren sie mehr. Liz Moore hat einen intelligenten, durchdringenden Blick auf unsere westlichen Gesellschaften. Das macht dieses Buch – neben einer besonderen Geschichte – lesenswert.
Der eine Arthur
Wie immer möchte ich nicht zu viel verraten: Arthur lebt zurückgezogen, fast isoliert von der Welt. Ein Bildungsbürger, der zum Messy geworden ist. Darüber hinaus hat er hunderte Kilos zugenommen und nur noch begrenzt die Fähigkeit sich in seinem Umfeld zu bewegen. Da meldet sich plötzlich seine ehemalige Studentin Charlene bei ihm. Sie möchte ihn treffen. Es war keine Liebesbeziehung, eher gegenseitige Neugierde, ein zärtliches, ehrliches Interesse aneinander und wahrscheinlich auch eine kleine Faszination. Charlene weiß nicht ansatzweise von der Verwahrlosung Arthurs. Er hat ihr in allen Jahren, in denen sie sich nicht sahen, sondern nur per Brief Kontakt hielten, nie die Wahrheit über sein Leben geschrieben. Aber was ist ihre Wahrheit? Wer oder was ist sie mittlerweile? Wer spricht hier eigentlich die Wahrheit? Der Brief löst Reaktionen aus und katapultiert Arthur ungewollt aus seiner Lethargie. Er setzt Prozesse in Gang, die er nicht mehr erwartet hat. Und warum möchte Charlene ihn sehen? Und, wer ist eigentlich der andere Arthur?
Wie sicher können wir uns sein?
Arthur ist das fast komplette Gegenteil des klassischen Helden. Er ist bemitleidenswert, energie- und fast tatenlos. Er vegetiert planlos vor sich hin. Auch Charlene ist keine weibliche Lichtgestalt. All das macht sie so realistisch. Das Leben hat sie desillusioniert.
In „Der andere Arthur“ geht es um unsere Selbstbilder und die Bilder, die wir versuchen bei anderen zu erbauen, zu hinterlassen und zu erhalten. Wir sind uns oft so sicher, ein klares, wahres Bild vom anderen zu haben, ohne dies zu hinterfragen. Wieviel Wahrheit, wieviel falsche Selbstdarstellung und beschönigte Selbstauskunft erhalten wir von unseren Mitmenschen? Wie sicher können wir uns sein? Gar nicht! Wir können uns bei Menschen nie sicher sein!
Es gibt viel zu entdecken in diesem Werk. Achtung: Plötzliche Wendungen sind möglich! Das Buch gibt sich ruhig, aber bleibt spannend und aufschlussreich.