erschienen im Hirzel-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Zwischen Freundschaft und Feindschaft
Wir alle kennen sie, haben oder haben keine Beziehungen zu ihnen. Wenn es Beziehung gibt, können diese in der großen Bandbreite von inniger Freundschaft bis zur abgrundtiefen Feindschaft sein: Nachbarn! Sie können die Haus- und Wohnungssuche oft mehr prägen als die Immobilie selbst. Es sei denn unser finanzieller Hintergrund ist so groß, dass wir uns sie mit dem Erwerb eines riesigen Grundstückes auf Distanz halten.
Bernd Imgrund hat mit seinem Werk „Unter Nachbarn“ ein informatives, umsichtiges und zeitweise auch mit humorvollem Seitenhieb angereichertes Buch um diese besondere Beziehung geschrieben. Eine Alltags- und Sozialgeschichte über eine der relevantesten und selten völlig frei gewählten Beziehungen im menschlichen Leben. Ein Gang durch die Zeit, aber auch durch unsere Zeit. Durch Kultur, Justiz und bunt durch so viele andere Aspekte des täglichen menschlichen Lebens. Und ich bin mir sicher, dass jeder Leser innerlich seine Stationen im Leben durchgeht und sich immer wieder dabei erwischt, beschriebene Beziehungen und Situationen zu bejahen. Wir kennen das – im Guten und im Schlechten. Und diese Beziehungen im Netz der Nachbarschaft gibt es schon seit Jahrhunderten – haben sich in bestimmenden Bereichen wenig geändert.
Schicksalsgenossen
Imgrunds Gang durch diese Geschichte des manchmal auch übergriffigen Miteinanders beginnt in der Antike. Jedoch ist die Quellenlage dort noch sehr dünn, was sich zum Mittelalter hin ändert. Man wird dann in den aufstrebenden Städten, durch die Nähe, mehr zu Schicksalsgenossen, denn es gilt Katastrophen wie Feuer, Kriege auf engsten Raum gemeinsam anzugehen. Aber man trinkt und feiert auch gemeinsam. Selbstgebrautes Bier wird da schnell zum Kitt des Soziallebens. Das fördert das soziale Miteinander.
Der regionale Unterschied zwischen Land und Stadt ist – bis heute – noch immer sehr deutlich zu erkennen. Machte Stadtluft einst frei, so ist sie heute vor allem geprägt durch die gegenseitige Konkurrenz im Wohnungsmarkt. Sie schafft aber auch tiefe Gemeinschaft im sozialen Bündnis irgendwo zwischen Veedel, Kiez, Quartier oder Hood.
Auf dem Land zählt das Netzwerk der Feuerwehren, verwandtschaftlichen Verflechtungen über Generationen, Traditionsvereinen, etc.
Tür an Tür
Selbst Knigge hat sich zum Thema geäußert und dringend geraten, dass man wissen solle, wer rechts und links neben einem wohnt. Wenn man feststellt, dass heutzutage nur 3% der Mieter in den Städten beim Einzug bei den Nachbarn klingeln und sich vorstellen, so sehen wir, wieviel gutes und intelligentes Verhalten scheinbar verloren gegangen ist. So kommt es zum „Gemeinsam Einsam“ – zur Isolation in den Städten. Dem aber auch gezielt durch viele Aktionen entgegengewirkt wird.
Imgrunds Durchleuchtung des Themas ist unterhaltsam. Seine sehr vielfältigen Quellen zeigen die vielen, vielen Aspekte des Themas. Und so kommen uns sehr bekannte Menschen zu Wort: Von Kafka zu Michelle Foucault, von Karl Valentin bis zum Schlagerriesen Roland Kaiser. Und natürlich lieben wir Klatsch und Tratsch (mit Niveau!), wenn es zum Beispiel um die vielen Justizentscheidungen in Kämpfen und Streitigkeiten geht, wie z.B. rund um die Sexgeräusche der Nachbarn, die im Flur zu hören waren. Die Welt der Nachbarschaft erfüllt alle Bereiche des menschlichen Lebens. Sie ist voller Menschlichkeit und kennt und beinhaltet daher auch alle menschlichen Schwächen. Und wir Leben halt nicht nur „Tür an Tür (mit der guten und hübschen) Alice“. Ein informativer Lesespaß!